Er muss krank sein. Er war die ganze Woche nicht im Büro.

Dieselben Modalverben, die Erlaubnis und Verpflichtung ausdrücken, drücken auch aus, wie sicher man sich ist, dass etwas stimmt. Er muss arbeiten ist eine Verpflichtung; Er muss krank sein ist eine Schlussfolgerung — die sprechende Person ist sich anhand der Anhaltspunkte fast sicher.

Kurz gesagt: Die Sicherheitsskala geht von muss (ich bin sicher) über dürfte / müsste (wahrscheinlich) und kann / könnte (möglich) bis mag (mag sein). Die Struktur ist immer Modalverb + Infinitiv am Ende (Er muss jetzt zu Hause sein.). Um etwas für unmöglich zu erklären, nimmt man kann nicht, nie muss nicht.

Zwei Aufgaben für ein Verb

Jedes deutsche Modalverb hat einen objektiven Gebrauch (Fakten über Erlaubnis, Verpflichtung, Fähigkeit) und einen subjektiven Gebrauch (die Einschätzung einer Aussage durch die sprechende Person):

Verb Objektiv Subjektiv
müssen Ich muss um 8 anfangen. (Verpflichtung) Sie muss im Stau stehen. (fast sichere Vermutung)
können Er kann schwimmen. (Fähigkeit) Das kann ein Fehler sein. (Möglichkeit)
dürfen Du darfst rein. (Erlaubnis) — (die subjektive Form ist der Konjunktiv II dürfte)

Der Unterschied liegt darin, was der Satz tut: Ein subjektives Modalverb gibt die Schlussfolgerung der sprechenden Person über eine Situation wieder; ein objektives weist eine Verpflichtung, eine Erlaubnis oder eine Fähigkeit zu. Dieselben Wörter gehen in beide Richtungen — Sie muss arbeiten ist im einen Kontext eine Verpflichtung („ihre Schicht fängt an“) und im anderen eine Vermutung („das Licht brennt — sie muss arbeiten“) —, also entscheidet die Situation drumherum.

Die Sicherheitsskala

Für eine Vermutung über die Gegenwart bleibt das Modalverb finit an zweiter Stelle, und der Infinitiv schließt den Satz ab:

Modalverb Ungefähr Beispiel
muss „muss … sein“ — so gut wie sicher Bei dem Lärm muss die Party nebenan sein.
dürfte „ist wahrscheinlich“ — vorsichtige Schätzung Sie dürfte inzwischen zu Hause sein.
müsste „müsste … sein“ — erwartbar, wenn alles normal läuft Der Zug müsste gleich kommen.
kann / könnte „kann / könnte … sein“ — eine offene Möglichkeit Das könnte teuer werden.
mag „mag … sein“ — einräumend (gehoben) Das mag stimmen, aber …

könnte ist ein weicheres, vorsichtigeres kann; müsste ein weicheres muss. Beides sind Konjunktiv-II-Formen — dieselben wie bei Konjunktiv II: hätte, wäre, könnte.

dürfte: das höfliche „wahrscheinlich“

Für die subjektive Vermutung erscheint dürfen als Konjunktiv II dürfte — das schlichte Präsens darf meint immer nur die Erlaubnis. In einer Aussage darüber, wie die Dinge stehen, signalisiert dürfte eine überlegte, recht zuversichtliche Schätzung, eine Stufe unter muss:

  • Das dürfte kein Problem sein.
  • Die Reparatur dürfte etwa 200 Euro kosten.

Für eine auf Anhaltspunkten beruhende Wahrscheinlichkeitsaussage ist das dürfte, nicht würde. Das würde kein Problem sein braucht normalerweise eine genannte oder mitgedachte Bedingung („… wenn wir es so machen würden“), trägt also für sich genommen nicht die Bedeutung „wahrscheinlich“.

Etwas für unmöglich erklären

Das Gegenteil von muss („muss … sein“) ist nicht muss nicht. Er muss nicht zu Hause sein bedeutet „er muss nicht zu Hause sein“ — eine objektive Aussage über die Verpflichtung. Um eine Aussage für unmöglich zu erklären, verneint man können:

  • Das kann nicht wahr sein.
  • Das muss nicht wahr sein. (bedeutet: es ist nicht unbedingt wahr — eine andere Aussage)

Die Vergangenheit einschätzen

Um über etwas bereits Abgeschlossenes zu vermuten, bleibt das Modalverb im Präsens, aber man nimmt einen Infinitiv Perfekt (Partizip II + haben oder sein):

  • Er muss die Nachricht gesehen haben.
  • Sie dürfte schon gegangen sein.

Die Wortstellung ist fest: Partizip, dann der Infinitiv von haben/sein, ganz am Ende. Das ist derselbe Gedanke der Vergangenheitseinschätzung wie beim Konjunktiv II der Vergangenheit, aber ohne die irreale Bedeutung.

Das Englische nutzt für Vermutungen dieselben Modalverben (must, might, could, may), sodass sich muss / könnte / dürfte recht direkt zuordnen lassen. Zwei Stolpersteine bleiben: Für die Vergangenheit sagt das Englische must have seen, während das Deutsche das Modalverb im Präsens lässt und den Infinitiv Perfekt anhängt (muss … gesehen haben); und englisches mustn't ist ein Verbot, deutsches muss nicht dagegen nur „ist nicht nötig“.

Die beiden Lesarten auseinanderhalten

  • Er kann gut kochen. — Fähigkeit (objektiv).
  • Er kann jetzt in der Küche sein. — Möglichkeit (subjektiv): die sprechende Person vermutet, wo er ist.
  • Du musst müde sein. — „du musst müde sein“ (subjektiv): eine Schlussfolgerung daraus, wie du aussiehst, keine Anweisung.

Wenn beide Lesarten wirklich möglich sind, entscheiden Betonung und Situation; im Schriftlichen fügt man ein Adverb hinzu (bestimmt, wahrscheinlich, vielleicht), wenn die Vermutungs-Lesart eindeutig sein muss.

Häufige Fehler

  • Das muss nicht wahr sein. (für „das kann nicht wahr sein“) → ✅ Das kann nicht wahr sein.
  • Er dürfte schon zu Hause. → ✅ Er dürfte schon zu Hause sein. (der Infinitiv darf nicht wegfallen)
  • Das würde teuer sein. (als bloße Wahrscheinlichkeitsschätzung) → ✅ Das dürfte teuer werden. / Das könnte teuer werden.
  • Er muss krank sein gewesen. → ✅ Er muss krank gewesen sein. (Partizip, dann sein, ganz am Ende)
  • Sie kann im Stau stehen im Sinne von „sie muss im Stau stehen“ → ✅ Sie muss im Stau stehen. (kann ist nur „könnte“; muss ist die zuversichtliche Vermutung)

Kurzer Check

Formuliere jede Vermutung mit dem Modalverb aus der Klammer.

  1. „Sie ist bestimmt müde.“ (müssen) — Sie ___ müde ___.
  2. „Er ist wahrscheinlich noch bei der Arbeit.“ (dürfte) — Er ___ noch bei der Arbeit ___.
  3. „Das ist vielleicht ein Fehler.“ (können) — Das ___ ein Fehler ___.
  4. „Das kann nicht stimmen.“ (können, verneint) — Das ___ ___ ___ ___.
  5. „Sie haben bestimmt den Zug verpasst.“ (müssen, Vergangenheit) — Sie ___ den Zug ___ ___.
Antworten anzeigen
  1. Sie muss müde sein.
  2. Er dürfte noch bei der Arbeit sein.
  3. Das könnte ein Fehler sein. (kann geht auch)
  4. Das kann nicht stimmen.
  5. Sie müssen den Zug verpasst haben.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Deutsche Modalverben haben einen Doppeljob: müssen ist Verpflichtung oder fast sichere Vermutung, können ist Fähigkeit/Erlaubnis oder Möglichkeit.
  • Sicherheitsskala: muss (sicher) → dürfte / müsste (wahrscheinlich) → kann / könnte (möglich) → mag (einräumend).
  • Die Struktur ist Modalverb + Infinitiv am Ende; der Infinitiv fällt nie weg.
  • „kann nicht … sein“ ist kann nicht + Infinitiv, nie muss nicht (das bedeutet „ist nicht verpflichtet“).
  • Für die Vergangenheit bleibt das Modalverb im Präsens und man nimmt einen Infinitiv Perfekt: Er muss es vergessen haben.
  • dürfte (Konjunktiv II) ist das übliche „wahrscheinlich“; würde + Infinitiv braucht meist eine Bedingung dahinter.